Potsdamer Hospiztage

8. Brandenburger Landeshospiztag - Ein Rückblick

Für die finanzielle Unterstützung des 8. Brandenburger Landeshospiztages bedanken wir uns herzlich bei
  • Förderverein der Björn Schulz Stiftung
  • Ministerium für Arbeit, Soziales, Gesundheit, Frauen und Familie Land Brandenburg
  • Mittelbrandenburgische Sparkasse in Potsdam
  • Witzleben Apotheke Berlin
  Am 8. Oktober 2016 - dem Welthospiztag - begrüßten wir knapp 250 Menschen zum 8. Brandenburger Landeshospiztag in Potsdam. Die Veranstaltung findet alle zwei Jahre auf Initiative der LAG Hospiz Brandenburg an verschiedenen Orten unseres Landes statt. Sie informiert über die Hospizarbeit und bietet die Möglichkeit für Begegnungen und Austausch. Gastgeber 2016 waren wir, die Landesarbeitsgemeinschaft Onkologische Versorgung Brandenburg e. V. (LAGO) und der Hospiz- und Palliativberatungsdienst Potsdam (HPP). Unsere Stärke: 14 Jahre gemeinsam veranstaltete Potsdamer Hospiztage. In deisem Jahr wurden wir unterstützt von der Björn Schulz STIFTUNG. Sie ergänzte den Hospiztag mit einem Begleitprogramm für die Kinder der Teilnehmer. Die Veranstaltung wurde vom Ministerium für Arbeit, Soziales, Gesundheit, Frauen und Familie Land Brandenburg (MASGF) gefördert. Die Schirmherrschaft hatte Ministerpräsident Dietmar Woidke übernommen. Knapp 250 Menschen aus dem Land Brandenburg und Berlin kamen unter dem Motto "Gemeinsam für ein würdevolles Sterben" zusammen. Im Mittelpunkt standen Informationen über die Hospizarbeit, Gespräche und der Austausch über die letzte Phase im Leben eines Menschen. Für den Hauptvortrag konnten wir Martina Kern gewinnen. Ihren Vortrag finden Sie hier als Download:  

Meine Erlebnisse am 8. Brandenburger Landeshospiztag auf Hermannswerder

Als Praktikantin des Hospiz- und Palliativberatungsdienst Potsdam, die sich erst seit etwa 4 Wochen intensiv mit dem Thema „Tod und Trauer“ beschäftigt, stehe ich diesem 8. Brandenburger Landeshospiztag am 8.Oktober 2016 entsprechend gespannt gegenüber. Bereits in den frühen Morgenstunden regt sich einiges im Raum „Eiche“ im Hoffbauer Tagungshaus auf Hermannswerder, in dem die vielfältigen Informationsstände aufgebaut sind. Zahlreiche Ehrenamtliche des Hospizdienstes und andere Gäste sind schon früh gekommen, um beim Aufbau zu helfen oder sich die Auslagen der verschiedenen Informationsstände anzusehen. So habe ich Gelegenheit mit Gästen, Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der LAGO, des Wünschewagens, der Klinikclowns und Anderen ins Gespräch zu kommen um mehr über deren Arbeit zu erfahren. Lange bleibe ich vor der kleinen, von Kindern aus der Trauergruppe gestalteten, Bilderausstellung der Björn-Schulz-Stiftung stehen. Die Kunstwerke zeigen Meerschweinchen, bunte Regenbögen, große Bäume und vieles mehr. „Wer oder was hilft mir, wenn ich traurig bin?“, „Wo befindet sich meine Mama oder mein Papa jetzt?“. All diese existenziellen Fragen beantwortet jedes Kind auf seine individuelle und phantastische Weise, sodass ich nur staunen kann. Eingepackt in meine Regenjacke laufe ich durch den Nieselregen hinüber zur Kirche. Das Wetter an diesem Tag ist sehr wechselhaft. Mal regnet es in Strömen, mal nieselt es, dann hört es plötzlich auf. >Passt ja irgendwie zum Thema< denke ich. In Erinnerung ist mir vor allem der Einführungsvortrag von Martina Kern mit dem Titel „Haltung in der Hospizarbeit“ geblieben. Die Präsentation lebt geradezu von spannenden Informationen und lebensbejahenden Zitaten und Bildern. Sie verdeutlicht unter anderem, wie wichtig es ist, täglich neu auf die individuellen Bedürfnisse und Wünsche der Gäste im Hospiz einzugehen. Als Beispiel erzählt sie von einem Mann, der von seinem baldigen Sterben wusste und furchtbare Angst davor hatte, die Ärzte könnten seinen Tod diagnostizieren, obwohl er lediglich schlafe. Seine Frau quälten die gleichen Sorgen. Aus Gewohnheit sprach die Sozialpädagogin der Familie gegenüber vom „Einschlafen“ anstatt vom „Sterben“. Als Folge intensivierten sich Ängste und Zweifel der Familie. Dies verdeutlichte der Referentin, obwohl sie zu diesem Zeitpunkt schon einige Jahre in der Hospizarbeit tätig war, wie wichtig klare Worte häufig sind, um keine Missverständnisse und noch größere Zweifel bei den Menschen hervorzurufen. Gerade gegenüber Kindern sei es wichtig, nicht vom „Einschlafen“ zu sprechen, da diese das Wort oftmals wörtlich nehmen und so eine große Angst vorm Einschlafen entsteht. >Gar nicht so einfach, immer die „richtigen Worte“ zu finden<, denke ich. Wie groß ist der Wunsch von allen Beteiligten, dass ein Mensch an seinem Lebensende glücklich und versöhnt mit sich, seiner Familie und der Welt ist? Ein weiteres großes Thema des Vortrags. Auch ich muss mir eingestehen, dass einer der Gründe warum mich diese Arbeit so interessiert der Wunsch danach ist, jedem Menschen ein menschenwürdiges und friedliches Sterben zu ermöglichen. Das dies aber nicht immer der Realität entspricht, ist eigentlich jedem klar. Martina Kern erzählt uns von einem Mann, der es bis zu seinem Tod nicht schaffte seine Wut und seinen Zorn „loszuwerden“. Er sei immer ein selbstständiger Mann gewesen und habe sich von niemandem etwas sagen lassen. Und dann kam die Krankheit und er war angewiesen auf Hilfe. Sowohl Pflegekräfte, Ehrenamtliche, usw. bemühten sich, ihm nahezu alle Wünsche zu erfüllen, mit der Hoffnung angesichts seiner kurzen Lebenszeit würde sich etwas von seinem Zorn doch noch in Sanftmut verwandeln. Kurz bevor ihm sein einziger Wunsch erfüllt werden sollte, nochmal das Grab seines Bruders zu sehen, starb er. „Und dann kommt der Tod einfach so dazwischen“ und auf der Leinwand erscheint ein bunt gemaltes Bild, das plötzlich durch etwas Schwarzes durchbrochen ist. In der Kirche ist es ganz still geworden und eine Spannung liegt in der Luft. Auch ich bin bewegt von diesen Geschichten, die obwohl sie vom Sterben handeln, dem Leben nicht näher sein könnten. Die lange Schlange vor den zwei Töpfen mit Suppe und Würstchen lässt vermuten, dass alle Teilnehmenden ganz schön hungrig geworden sind. Die Stärkung ist auch notwendig für die darauffolgenden Workshops, die auf verschiedene Räume verteilt sind. Mit 19 verschiedenen Workshop-Angeboten, die thematisch von „Trauer nach Suizid“ über „Kindertrauer“ bis hin zu einer Filmkomödie mit anschließender Diskussion reichen, ist alles vertreten. Es gibt sogar zu allen Veranstaltungen ein Kinderbegleitprogramm. Schade eigentlich, dass ich dafür schon zu alt bin… Letztendlich entscheide ich mich für „Kommunikation ohne Worte“ unter der Leitung von Astrid Steinmetz. Der Raum, in dem das Seminar stattfindet wirkt ruhig, man hat den perfekten Blick ins Grüne und auf den strömenden Regen, der gerade auf die Erde prasselt. Die Referentin begrüßt uns sehr warmherzig und stellt sich kurz vor. Sie arbeitet schon einige Jahre, unter anderem als Sozialpädagogin und Musiktherapeutin, im Ricam Hospiz Berlin und bietet regelmäßig Kurse für Pflegekräfte, Ehrenamtliche usw. an. Dabei geht es hauptsächlich um den Umgang mit Menschen, die nicht mehr in der Lage sind sich mittels ihrer Sprache zu äußern. Zu meiner großen Freude beginnt der Kurs mit einem Bewegungsspiel. Wir dürfen aufstehen, unsere Stühle verlassen und alle willkürlich durch den Raum laufen. Dabei ist es wichtig, dass alle Teilnehmenden kontinuierlich in Bewegung blieben. Nach und nach bekommen wir Aufgaben gestellt: „Begrüßt einander ohne zu Sprechen!“. Ich schüttele meinem gegenüber die Hand und lächle ihn an. Die Anderen tun es ähnlich. „Begrüßt einander ohne eure Hände zu nutzen!“ >Oh das ist schon schwieriger<, denke ich. Ich lächele die Frau an, die mir gegenübersteht. „Begrüßt einander ohne euch in die Augen zu sehen!“ „Begrüßt einander ohne euch zu bewegen!“ Im Raum ist es still geworden. Die Blicke sind auf den Boden gerichtet, niemand spricht ein Wort. „Wie fühlt sich die Begrüßung jetzt an?“ Anders. Aber man spürt die Nähe und die Wärme der Anderen. Auch irgendwie eine Art von Begrüßung. Plötzlich poltert unsere Referentin durch den Raum. Ich erschrecke etwas. Die Anderen auch… denke ich, mein Blick ist ja auf den Boden gerichtet. Sie rennt gehetzt hin und her, wirft Sachen auf den Boden, fasst mich an der Schulter an. Ich fühle mich unbehaglich und unsicher. „So fühlen sich Patienten und Patientinnen, deren Wahrnehmung eingeschränkt ist, wenn einfach über deren Kopf hinweg entschieden wird. Es ist wichtig, dass wir sie in unsere Handlungen mit einbeziehen und dass wir nicht denken, nur weil die Person, die dort im Bett liegt und nicht mehr in der Lage ist zu sprechen, sie nichts mehr von unseren Aktionen wahrnimmt. Sie fühlt sich oftmals unsicher und hat Angst.“ Das ist die Erkenntnis aller Teilnehmenden, nachdem wir zusammen diese Übung durchgeführt hatten. Stattdessen sei es wichtig, diesem Menschen auf gleicher Ebene zu begrüßen. Ihm beispielsweise die Hand zu geben, so wie ich es auch tun würde, könnte mein Gegenüber mir verbal antworten. Weiter geht es mit „Handkontaktübungen“, die wir anschließend aneinander ausprobieren. Dabei sei es besonders wichtig, nur so viel Handkontakt zu geben, wie die Person verlangt. Und dann wieder loszulassen, wenn sie es nicht mehr möchte. >Gar nicht so einfach mit der Kommunikation ohne Worte<, stelle ich fest, als ich den Raum verlasse. In den nächsten Tagen achte ich sehr darauf, wie ich meinem Gegenüber begegne. Der Vortrag hat demnach Wirkung gezeigt. Die positive Resonanz der Gruppe spricht dafür. Das anschließende Kuchenbuffet, das von Ehrenamtlichen und Mitarbeitenden bereitet wurde, bietet Raum, um sich nochmal über die Erlebnisse in den Workshops auszutauschen. Und mit so leckerem Kuchen und Kaffee macht das gleich doppelt so viel Spaß!
    Lena Eisengräber, 22 Jahre, Studentin der Sozialen Arbeit an der Evangelischen Hochschule Berlin